US-Kongress kurz vor Steuerregeln für regulierte, dollar-gebundene Stablecoins
In Washington zeichnet sich ab, dass die Kryptopolitik nicht an allen Fronten zugleich neu geordnet werden soll. Stattdessen rückt eine klar abgegrenzte Asset-Klasse in den Fokus: regulierte, an den US-Dollar gekoppelte Stablecoins. Zwei parallele Vorhaben laufen dabei aufeinander zu: Der GENIUS Act schafft erstmals einen bundesweiten Aufsichtsrahmen für Zahlungs-Stablecoins, und ein parteiübergreifender Steuer-Entwurf im Repräsentantenhaus will die Nutzung dieser Token im Alltag steuerlich vereinfachen.
Kern des Steuerentwurfs: Digital Asset PARITY Act
Der Entwurf trägt den Titel Digital Asset PARITY Act, ein überparteilicher "discussion draft", der im Dezember 2025 von den Abgeordneten Max Miller (R-Ohio) und Steven Horsford (D-Nevada) aus dem House Ways and Means Committee vorgelegt wurde. Eine überarbeitete Fassung wurde am 26. März 2026 erneut veröffentlicht und enthält wesentliche Änderungen am zentralen Stablecoin-Abschnitt.
Nach der März-Version sollen Gewinne aus dem Verkauf eines "regulated payment stablecoin" grundsätzlich nicht in das Bruttoeinkommen einfließen; Verluste wären spiegelbildlich nicht anzuerkennen. Eine Ausnahme greift, wenn die steuerliche Anschaffungsbasis des Steuerpflichtigen unter 99% des Rücknahmewerts (redemption value) des Tokens fällt. Für Transaktionen über Börsen sieht der Entwurf vor, dass der Empfänger eine fingierte Basis von 1 US-Dollar erhält. Broker und Dealer sind ausdrücklich ausgenommen.
Voraussetzungen sind eng gefasst: Der Stablecoin muss von einem nach GENIUS Act zugelassenen Emittenten ausgegeben werden, ausschließlich an den US-Dollar gekoppelt sein und in den vorangegangenen 12 Monaten eine nachweislich sehr enge Preisstabilität gezeigt haben.
Für Privatanwender würde das vor allem eins bedeuten: Wer einen qualifizierenden Dollar-Stablecoin zum Bezahlen nutzt, müsste nicht mehr bei jeder Mini-Abweichung vom 1-Dollar-Peg ein kleines, aber lästiges steuerliches Veräußerungsereignis auslösen. Der Entwurf zielt darauf, streng regulierten, stabilen Dollar-Token eine ähnliche praktische Handhabung zu geben wie Bargeld, statt jede Mikro-Schwankung wie bei volatilen Kryptoassets über das Kapitalertragsregime abzuwickeln.
Warum der GENIUS Act die Basis bildet
Der Steuerentwurf ist bewusst an die Kategorie "regulierter Zahlungs-Stablecoin" gekoppelt, die der GENIUS Act bereits geschaffen hat. Das Gesetz, das den Senat mit 68-30 und das Repräsentantenhaus mit 308-122 Stimmen passierte, definiert, wer in den USA Zahlungs-Stablecoins ausgeben darf, welche Reserven vorzuhalten sind und welche Compliance-Pflichten gelten.
Vorgeschrieben sind unter anderem eine 100%ige Reserveunterlegung mit liquiden Vermögenswerten, Pflichten nach dem Bank Secrecy Act sowie umfassende Programme zu Geldwäscheprävention und Sanktions-Compliance.
Die Umsetzung läuft bereits an: Anfang März 2026 veröffentlichte das OCC einen Vorschlag für Durchführungsregeln zu Reserven, Kapital, Liquidität und Risikomanagement. Im April folgten Treasury und FinCEN/OFAC mit einem gemeinsamen Regelentwurf zu Geldwäsche- und Sanktionsanforderungen für zugelassene Emittenten. Auch die FDIC skizziert erste Antragsprozesse für FDIC-beaufsichtigte Institute, die Zahlungs-Stablecoins über Tochtergesellschaften emittieren wollen.
Der PARITY-Entwurf verweist in seinen Erläuterungen ausdrücklich auf den GENIUS Act: Erst wird rechtlich festgelegt, was ein "legaler" Stablecoin ist, dann soll dessen Nutzung im Alltag praktikabel werden.
Noch kein Emittent hat bislang formal den Status "permitted payment stablecoin issuer" erhalten, da die behördliche Maschinerie erst aufgebaut wird und finale Regeln erst bis Juli 2026 zwingend vorliegen müssen. Die aussichtsreichen Kandidaten sind dennoch erkennbar.
Circle und USDC gelten als klarer Favorit: Das Unternehmen veröffentlicht monatliche Reserve-Attestierungen durch eine Big-Four-Prüfungsgesellschaft, hält Reserven in US-Staatsanleihen und Cash bei regulierten Banken und operiert unter bestehenden State-Money-Transmitter-Lizenzen. USDC dürfte die Anforderungen des GENIUS Act voraussichtlich ohne größere strukturelle Änderungen erfüllen.
Tether entschied sich nicht für eine Umstrukturierung von USDT für die US-Compliance, sondern startete im Januar 2026 über die Anchorage Digital Bank einen separaten US-konformen Token namens USA₮.
Der GENIUS Act öffnet zudem traditionellen Banken einen neuen Weg: Jede FDIC-versicherte Bank kann die Emission von Zahlungs-Stablecoins über eine Tochter beantragen. Einige große Institute prüfen diese Option bereits. JPMorgans Blockchain-Sparte Kinexys arbeitet an einem Deposit Token für institutionelle Onchain-Abwicklungen, und die Bank of America bezeichnete Stablecoin-Regulierung öffentlich als Startpunkt einer mehrjährigen Verschiebung hin zu Onchain-Banking. Sollten solche Bank-Token unter den GENIUS-Rahmen fallen, wären sie auch für die geplante Steuerbehandlung nach dem PARITY-Entwurf qualifiziert.
Folgen für Nutzer, Händler und Emittenten
Für Nutzer liegt der Nutzen in weniger Reibung: Nach geltendem US-Steuerverständnis kann jede Veräußerung oder jeder Tausch eines Digital Assets einen steuerlich zu meldenden Gewinn oder Verlust auslösen, auch wenn es nur um Cent-Bruchteile geht. Genau diese Last soll für qualifizierende regulierte Dollar-Stablecoins entfallen. Die Sonderregel würde greifen, solange der Token nahe am Peg bleibt und der Nutzer ihn nahe 1 US-Dollar erworben hat. Bei einer deutlichen Entkopplung vom Peg oder außerhalb des engen Korridors wäre die Begünstigung nicht anwendbar.
Für Händler würde die Annahme einfacher, weil eine Zahlungsart attraktiver ist, wenn Kunden nicht bei jedem Einkauf eine steuerliche Nebenrechnung befürchten müssen. Stablecoins kämpfen in den USA seit Jahren mit diesem Akzeptanzproblem.
Am stärksten könnten Emittenten profitieren: Der GENIUS Act liefert ein klares Regelwerk zu Reserven, Compliance-Programmen und regulatorischen Erwartungen. Ein Stablecoin-Geschäftsmodell trägt aber nur, wenn Token tatsächlich gehalten und ausgegeben werden. Mit einer Steuervereinfachung könnten konforme Emittenten überzeugender argumentieren, dass ihre Token im US-Alltag praktisch einsetzbar sind. Genau an der Schnittstelle zwischen regulatorischer Zulassung und realer Nutzbarkeit entsteht der wirtschaftliche Wert.
Der politische Status bleibt dennoch offen. Ein "discussion draft" ist kein Gesetz, sondern eine Arbeitsfassung, mit der Abgeordnete Richtung signalisieren, Feedback einholen und Unterstützung testen. Der PARITY-Entwurf enthält noch Erläuterungstexte und technisch unfertige Passagen. Miller und Horsford wollen ihn als formellen Gesetzentwurf einbringen; zudem wird diskutiert, ob Krypto-Steuerregeln in ein größeres Reconciliation-Paket passen könnten. Eine Verabschiedung ist aber nicht garantiert.
Was passiert, wenn die Regel kommt – und wenn nicht
Sollte die Stablecoin-Klausel des PARITY Act Gesetz werden, würden bestimmte regulierte Dollar-Stablecoins für Routinezahlungen in der US-Wirtschaft spürbar leichter nutzbar. Laut Gesetzestext soll die Regel für Steuerjahre gelten, die nach dem 31. Dezember 2025 beginnen.
Scheitert der Entwurf, dürfte das Stablecoins kaum unmittelbar schaden: Der GENIUS Act ist bereits in Kraft, die Umsetzung läuft über Treasury, OCC, FDIC und FinCEN. Der Markt bekäme weiterhin bundesweite "Rails" für Emittenten, nur die steuerliche Vereinfachung für Nutzer und Unternehmen würde fehlen. Die USA könnten so zwar ein regulierter Stablecoin-Markt werden, ohne zugleich ein wirklich alltagstauglicher Stablecoin-Zahlungsmarkt zu sein. Regulierung würde schneller voranschreiten als die Normalisierung der Nutzung – genau diese Spannung prägt die aktuelle Debatte.
Der GENIUS Act hat definiert, was ein legaler Stablecoin ist und wer ihn ausgeben darf. Offen bleibt, ob regulierte Dollar-Stablecoins am Ende als lizenzierte Finanzprodukte im Regal stehen oder als digitale Dollar im Alltag ohne Zögern eingesetzt werden. Der Steuerentwurf würde, falls er Gesetz wird, die Brücke zwischen Regelwerk und Routineanwendung schlagen.