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Auslandsinvestoren verkaufen kurzlaufende US-Staatsanleihen im Volumen von 29 Mrd. US-Dollar – Stablecoins könnten als Käufer auftreten
Im Juni haben ausländische Investoren per saldo 133,5 Mrd. US-Dollar in die US-Finanzmärkte gelenkt, zugleich aber kurzlaufende US-Staatsanleihen (Treasury Bills) im Umfang von 29 Mrd. US-Dollar abgestoßen. Die aktuellen Daten zeigen damit stark auseinanderlaufende Kapitalströme innerhalb desselben Monats: kräftige Zuflüsse in US-Aktien, deutlich nachlassende Nachfrage nach US-Staatsverschuldung.
Konkret kauften ausländische Anleger US-Aktien für 181,4 Mrd. US-Dollar, während der Nettoerwerb langlaufender Treasuries nur 6,8 Mrd. US-Dollar betrug. Am kurzen Ende reduzierten sie ihre Bestände an Treasury Bills, die häufig als Liquiditätsreserve eingesetzt werden.
Diese Divergenz ist auch ein Grund, warum Stablecoins zunehmend als Baustein in der US-Schuldenfinanzierung diskutiert werden. Emittenten wie Tether und Circle halten den Großteil ihrer Reserveanlagen, die den Tokenwert absichern, in kurzlaufenden US-Staatsanleihen und ähnlichen Instrumenten. Sollte sich der Rückzug ausländischer Käufer fortsetzen, könnte der schnell wachsende Stablecoin-Sektor zu einer zusätzlichen, bedeutenden Nachfragequelle werden. Die Juni-Zahlen zeigen zwar, dass die Branche inzwischen eine relevante Größenordnung erreicht hat, die jüngsten Emissionsvolumina neuer Token waren jedoch gering und reichen nicht aus, um den Abverkauf von 29 Mrd. US-Dollar zu erklären.
Grundlage der Analyse ist der monatliche "Treasury International Capital"-(TIC)-Report des US-Finanzministeriums, der Kapitalflüsse zwischen den USA und dem Rest der Welt dokumentiert. Da der Report sowohl Wertpapiertransaktionen als auch kurzfristige Bankflüsse erfasst, können die Headline-Zahlen unterschiedliche Anlageentscheidungen überdecken.
Warum die Aktienkäufe (181,4 Mrd. US-Dollar) über dem Nettozufluss (133,5 Mrd. US-Dollar) liegen: Die Gesamtsumme wird durch gegenläufige Bewegungen gedrückt. Verkäufe von Treasuries sowie Abflüsse von 34,4 Mrd. US-Dollar über Bankbilanzen kompensierten einen Teil der für Aktienkäufe eingesetzten Mittel. Zusätzlich investierten US-Anleger Kapital im Ausland durch Käufe ausländischer Wertpapiere. Unterm Strich bleibt die Kernaussage: Ausländisches Kapital fließt weiter in US-Assets, mit klarem Schwerpunkt auf Unternehmensaktien; die Bereitschaft, Staatsanleihen zu halten, ist dagegen gering, insbesondere bei kurzfristigen Papieren.
Treasury Bills sind US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr. Wegen der hohen Liquidität und der schnellen Rückzahlung gelten sie als cashnah und werden unter anderem von Zentralbanken, Unternehmen, Geldmarktfonds und Stablecoin-Emittenten gehalten.
Die ausländischen institutionellen Bestände an kurzlaufenden US-Staatsanleihen sanken von rund 1,43 Bio. US-Dollar im Mai auf 1,40 Bio. US-Dollar im Juni, ein Rückgang um etwa 2% gegenüber dem Mai-Bestand. Damit war es der zweite Verkaufsmonat in Folge: Im Mai wurden 43,5 Mrd. US-Dollar verkauft, im Juni weitere 29 Mrd. US-Dollar, zusammen rund 72,5 Mrd. US-Dollar in zwei Monaten. Aus den verfügbaren Daten lassen sich die Motive nicht direkt ableiten; möglich sind routinemäßiges Liquiditätsmanagement oder Umschichtungen.
Bei länderspezifischen TIC-Tabellen ist zudem Vorsicht geboten: Wertpapierbestände werden über Verwahrstellen erfasst, was die tatsächliche Nationalität der Endhalter verschleiern kann.
Wie Stablecoins aus Dollar-Nachfrage Nachfrage nach Treasury Bills machen: In einem einfachen Ablauf zahlt ein Nutzer 1 US-Dollar an den Emittenten und erhält 1 USD-Stablecoin. Der Emittent verpflichtet sich zur Rücknahme zu 1 US-Dollar und investiert die Reserven daher in Anlagen, die sich schnell zu Geld machen lassen. Kurzlaufende Treasury Bills passen zu diesem Profil, weil nur wenige Vermögenswerte ähnlich effizient liquidierbar sind. Sobald der Emittent Treasuries kauft, wird die Nachfrage nach "digitalen Dollars" indirekt zu Nachfrage nach US-Staatsverschuldung, ohne dass Nutzer ein Wertpapierdepot benötigen.
Regulatorisch wurde dieses Grundmodell mit dem GENIUS Act verankert, der für regulierte, zahlungsorientierte Stablecoins hochliquide Reserven verlangt. Ein Vorschlag des US-Finanzministeriums vom 17. August präzisierte den Rahmen und nennt Bargeld, kurzlaufende US-Treasuries sowie damit verbundene Repo-Geschäfte als bevorzugte Reservewerte. CryptoSlate hatte dazu herausgearbeitet, dass das Gesetz einen föderalen Regulierungsweg für USD-denominierte Token schafft, während die Ausgestaltung der Reserveanforderungen und Zulassungskriterien den Aufsichtsbehörden überlassen bleibt.
Zur Größenordnung: Tethers Attestierung für das zweite Quartal weist direkte Bestände an Treasury Bills von 114,96 Mrd. US-Dollar aus, ergänzt um 25,62 Mrd. US-Dollar in Overnight- und Term-Repos. Der Verkaufsdruck von 29 Mrd. US-Dollar im Juni entspricht damit grob einem Viertel von Tethers direkten T-Bill-Beständen. Diese Relation dient nur der Einordnung; der TIC-Report belegt nicht, dass von Auslandsinvestoren verkaufte Anleihen direkt von Tether oder anderen Emittenten gekauft wurden.
Auch Circle (USDC) nutzt ein ähnliches Reservemodell. Laut Offenlegung werden die USDC-Reserven überwiegend im Circle Reserve Fund gehalten, der von BlackRock verwaltet wird und als staatlicher Geldmarktfonds Bargeld, kurzlaufende Treasury Bills sowie Overnight-Repo-Geschäfte auf US-Treasuries halten kann. Trotz unterschiedlicher Strukturen gilt: Beide großen Emittenten wandeln Marktnachfrage nach einem digitalen Dollar in Nachfrage nach cashnahen US-Anlagen um.
Warum Washington Stablecoins als potenzielle Käufergruppe betrachtet: Nutzer im Ausland können USD-Stablecoins halten und transferieren, ohne selbst US-Staatsanleihen zu erwerben. Die Emittenten investieren die Reserven in Treasuries oder den Repo-Markt; so gelangen Dollars zu Auslandsnutzern, während die Reserve-Nachfrage in das US-Finanzsystem zurückwirkt. Neue Treasury-Käufe entstehen in diesem Mechanismus vor allem dann, wenn das Stablecoin-Umlaufvolumen wächst oder wenn Emittenten Reserven durch Umschichtungen aus anderen Anlagen in Treasuries verlagern.
Die aktuellen Marktdaten sprechen gegen die einfache These, dass die Token-Neuemissionen den Juni-Abverkauf absorbiert hätten. Zum Ende des zweiten Quartals lag das Umlaufvolumen von Tethers USDT bei 184,6 Mrd. US-Dollar, lediglich rund 446 Mio. US-Dollar über dem Stand zum Ende des ersten Quartals. Laut DefiLlama betrug die gesamte Marktkapitalisierung aller Stablecoins per 21. August etwa 302,1 Mrd. US-Dollar, ein Minus von 0,14% in den vergangenen 30 Tagen. Das deutet darauf hin, dass Emittenten ihre bestehenden Reserven eher intern neu gewichtet haben, statt durch kräftige Expansion des Angebots zusätzliche Nachfrage in der Größenordnung von 29 Mrd. US-Dollar zu erzeugen. Öffentliche Daten liefern zudem keinen Hinweis, dass ausländische Halter ihre Bestände direkt an Stablecoin-Emittenten verkauft hätten.
Der Mechanismus kann sich auch umkehren: Bei umfangreichen Rückgaben (Redemptions) müssten Emittenten Liquidität schaffen, etwa durch Verkäufe von Treasury-Beständen oder über auslaufende Papiere.
Nächster Datenpunkt: Der nächste TIC-Report erscheint am 16. September und umfasst die Juli-Zahlen. Zwei Kennziffern stehen im Fokus: die ausländischen institutionellen Bestände an kurzlaufenden US-Treasuries und das gesamte Stablecoin-Umlaufvolumen. Reduzieren Auslandsinvestoren ihre Positionen ein drittes Mal in Folge, während das Stablecoin-Angebot kaum wächst, bleibt die Nachfragelücke am T-Bill-Markt bestehen. Steigt dagegen die Stablecoin-Zirkulation und legen Emittenten zugleich höhere Treasury-Bestände offen, wäre das ein Signal für eine stärkere Rolle dieser neuen Käufergruppe. Aufgrund der Verwahrstellen-Erfassung lassen sich beide Datensätze allerdings nur begrenzt exakt aufeinander abbilden.
Fazit: Im Juni hielten ausländische Investoren an US-Assets fest und kauften vor allem Aktien, während sie kurzlaufende Staatsanleihen als cashnahe Instrumente reduzierten. Stablecoin-Emittenten mit Treasury-Beständen in zweistelliger Milliardenhöhe sind zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor für die Nachfrage nach US-Staatsanleihen geworden, doch das geringe Wachstum im zweiten Quartal reicht nicht aus, um den Juni-Abverkauf zu erklären. Gerade am kurzen Ende, wo die Auslandsnachfrage schwächelt, bauen die USA regulatorische Leitplanken für eine potenzielle neue Käuferklasse auf. Die Verbindung zwischen digitalem Dollar und staatlicher US-Finanzierung ist der Kern, warum der Verkauf von 29 Mrd. US-Dollar an Treasury Bills Aufmerksamkeit verdient.