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Wise startet an der Nasdaq – Bewertung bei rund 15,5 Mrd. US-Dollar
Wise hat seine Aktien zum Handel an der Nasdaq zugelassen und wird damit an der US-Börse mit rund 15,5 Mrd. US-Dollar bewertet. Nach Informationen von Payment Home werden die Class-A-Ordinary-Shares der Wise Group plc seit dem 11. Mai 2026 unter dem Kürzel "WSE" gehandelt. Parallel bleibt das Unternehmen mit einem Zweitlisting an der London Stock Exchange vertreten; dort lautet das Kürzel weiterhin "WISE".
Laut verzögerten Kursdaten vom 11. Mai notiert WSE bei 15,40 US-Dollar, 0,90 US-Dollar über dem vorherigen Referenzpreis, ein Plus von rund 6,21%.
Für das Geschäftsjahr zum 31. März 2026 weist Wise in seinen veröffentlichten Zahlen ein grenzüberschreitendes Transaktionsvolumen von 243 Mrd. US-Dollar aus. Die von Kunden gehaltenen Guthaben lagen bei 39 Mrd. US-Dollar. Der Transaktionsumsatz betrug 1,9 Mrd. US-Dollar, der Nettogewinn 2,5 Mrd. US-Dollar. Damit unterstreicht Wise seine Positionierung als globaler Anbieter für grenzüberschreitende Zahlungen.
Der Schritt an die Nasdaq ist keine klassische IPO-Transaktion. Wise hat kein neues Kapital über die Ausgabe zusätzlicher Aktien aufgenommen und sich nicht aus London zurückgezogen. Stattdessen wurde im Rahmen einer Restrukturierung die Wise Group plc als neue oberste Holding eingesetzt und das Primärlisting über ein Dual Listing in die USA verlagert.
Die Wurzeln des Unternehmens liegen in einem einfachen Ansatz, Bankgebühren und intransparente Wechselkurse zu umgehen: Zwei Esten in London, Taavet Hinrikus (früher bei Skype) und Kristo Käärmann (damals Deloitte), organisierten ihre Währungsbedarfe über einen direkten Abgleich von Euro und Pfund, nahe am realen Wechselkurs und mit lokaler Abwicklung. Aus dieser Idee entstand TransferWise, später Wise. Das Markenversprechen: echte Wechselkurse, transparente Gebühren, verlässliche Zustellzeiten.
Aus dem reinen Überweisungsprodukt wurde schrittweise eine Plattform. Heute umfasst das Angebot unter anderem Multiwährungskonten, Business-Zahlungen und -Einzug, Karten, die Wise Platform sowie Anbindungen an lokale Zahlungssysteme. Privatkunden nutzen Wise für internationale Überweisungen, Währungsumtausch, Ausgaben im Ausland und Guthabenverwaltung. Unternehmen wickeln Zahlungen und Zahlungseingänge ab, verwalten Multiwährungskonten und unterstützen internationale Geschäftsprozesse. Institutionen können die Funktionen über die Wise Platform per API in eigene Produkte integrieren.
Die aktuellen Kennzahlen sollen diesen Wandel belegen: Das grenzüberschreitende Transaktionsvolumen stieg im Geschäftsjahr 2026 um 31% auf 243 Mrd. US-Dollar, die Kundenguthaben um 40% auf 39 Mrd. US-Dollar. Wise betreute im Geschäftsjahr 2026 fast 19 Mio. private und geschäftliche Kunden.
Wise betont, das Netzwerk stütze sich auf mehr als 80 Lizenzen sowie direkte Anbindungen an lokale Zahlungssysteme in acht Märkten und ermögliche Transaktionen in über 40 Währungen. 75% der Zahlungen würden innerhalb von 20 Sekunden zugestellt, 96% innerhalb von 24 Stunden. Die durchschnittliche Gebühr liege bei 0,52% und damit unter dem branchenüblichen Bereich von 3% bis 5%.
Die Verlagerung des Primärlistings in die USA ist für Wise auch eine strategische Positionierung. Bereits 2021 war das Unternehmen per Direct Listing in London an die Börse gegangen. Mit der Nasdaq als Hauptmarkt will Wise nach eigenen Angaben den Investorenkreis ausweiten, vor allem um US-Investoren, die Liquidität erhöhen, perspektivisch die Voraussetzungen für eine Aufnahme in wichtige US-Indizes verbessern und die Markenbekanntheit in den USA steigern. Chairman David Wells erklärte, die US-Notierung rücke Wise näher an den tiefsten und liquidesten Kapitalmarkt der Welt und passe besser zu den Wachstumschancen in den USA.
Operativ spielt der US-Markt für Wise in zwei Dimensionen eine Rolle: als besonders aktiver Markt für grenzüberschreitende Geldflüsse und als potenzielles Partnerfeld für die Wise Platform. Wise verweist in Unterlagen auf mehr als 4.000 Banken in den USA. Das Plattformgeschäft zielt darauf, Funktionen wie Echtzeit-Überweisungen, Multiwährungskonten, Kartenausgabe sowie die Anbindung an lokale Zahlungssysteme, Wallets und Kartennetze in die Produkte von Banken, Finanzinstituten und Plattformunternehmen einzubetten. In seinem Form 20-F nennt Wise als Nutzer der Wise Platform unter anderem Itaú, Mandiri, Nubank und Monzo. Der Umsatzanteil dieses Geschäfts liege derzeit bei weniger als 10% des Transaktionsumsatzes; langfristig strebt das Unternehmen an, dass die Wise Platform mehr als 50% des grenzüberschreitenden Transaktionsvolumens beisteuert.
Mit dem Primärlisting in den USA verändert sich auch die Investorenansprache. Wise hatte zuvor angekündigt, die Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2026 in US-Dollar und nach US-GAAP auszuweisen, statt wie bisher in Pfund und nach IFRS. Währung, Rechnungslegung, Handelsplatz und Peer Group prägen die Bewertung durch Investoren.
Parallel arbeitet Wise an der Stärkung der US-Dollar-Zahlungsinfrastruktur. Reuters zufolge hat Wise die Gründung einer nationalen Trust Bank in den USA beantragt und plant, ein Master Account bei der Federal Reserve zu beantragen. Eine Genehmigung könnte die Abhängigkeit von Korrespondenzbanken verringern, die Effizienz der USD-Abwicklung erhöhen und die Kontrolle über die größten Währungsströme verbessern.
Auch China-bezogene Zahlungsfälle sind Teil der Produktabdeckung. Laut Wise-Hilfebereich unterstützt das Unternehmen RMB-Transfers nach China für Privat- und Geschäftskunden, mit Auszahlungswegen unter anderem über Alipay, WeChat, UnionPay-bezogene Konten und Banküberweisung. Für RMB-Auslandsüberweisungen aus China verweist Wise auf eine Zusammenarbeit mit einer lizenzierten Drittanbieter-Zahlungsinstitution unter Aufsicht der People's Bank of China; die Nutzung sei an Anforderungen bei Identität, Beschäftigung und Steuerhistorie gebunden, und Mittel dürften nur auf eigene Auslandskonten oder eigene Wise-Konten gesendet werden. In den Zahlungsanweisungen wird zudem ein "Lakala Reserve Fund Account" genannt, was auf die lokale Abwicklung und Reservenlogik in solchen Strukturen verweist. Eine Nasdaq-Notierung ändert diese regulatorischen Grenzen nicht.
Mit dem Listing-Wechsel rückte zudem das Thema Corporate Governance in den Fokus. Im Zuge der Aktionärsabstimmung 2025 wurde auch eine Verlängerung der Dual-Class-Struktur adressiert: Class A und Class B verfügen über unterschiedliche Stimmrechte, wobei Class B mehr Stimmgewicht hat. Mitgründer Taavet Hinrikus stellte sich öffentlich gegen den Vorschlag, unter anderem weil die Verlagerung des Primärlistings und die Stimmrechtsregelung in einer Abstimmung gebündelt waren. Solche Strukturen sind im US-Technologiesektor verbreitet, führen aber regelmäßig zu Debatten über Minderheitenschutz und Einfluss der Gründer.
Mit dem Nasdaq-Primärlisting wird Wise im US-Markt stärker an Wachstum, Profitabilität, Plattformskalierung, Partnerschaften und Governance gemessen. Investoren dürften besonders darauf achten, ob das Kundenwachstum anhält, ob das Transaktionsvolumen weiter steigt, ob Guthabenbestände und Kartendienste stabilere Ertragsquellen liefern, ob die Wise Platform von einem Nebenstrang zu einem Wachstumstreiber wird und ob sich die US-Bankenpartnerschaften sowie die USD-Abwicklungspläne materialisieren.
Der Schritt von London nach New York ist damit mehr als ein Wechsel des Handelsplatzes. Wise versucht, die Entwicklung vom günstigen Transferdienst hin zu einem globalen Zahlungs- und Konten-Netzwerk in einem Markt zu verankern, der gleichzeitig die größte Kapitalmarktbühne und ein zentraler Zahlungsraum ist. Ob dieses Narrativ die Bewertung von rund 15,5 Mrd. US-Dollar langfristig trägt, hängt davon ab, ob niedrige Gebühren, Skalierung und regulatorische Komplexität mit nachhaltiger Profitabilität und einer belastbaren Governance zusammengebracht werden.